Gottesdienst zum Sommerfest in Wengern 2. September 2012

Die Liebe Gottes, die Gnade Jesu Christi und die Gemeinschaft des heiligen Geistes sei mit uns allen. Amen.

Liebe Sommerfestgemeinde in Wengern,

in einem Gesundheitsmagazin, ich glaube es war die Apothekenumschau, fand ich einen Test zur Prüfung der eigenen Fitness. Es begann mit einer ganz einfachen Frage und Übung: Können Sie auf einem Stuhl sitzend mit den Händen den Boden, die Erde berühren? Und können Sie? Die nächste Schwierigkeitsstufe wurde eingeleitet mit: Können sie im Stehen mit den Fingern den Boden, die Erde berühren? Können Sie? Die Erde berühren können - ein Maßstab für Fitness. Aber nicht nur.

Eine der großen Theologinnen unserer Zeit, Elisabeth Moltmann-Wendel, geboren 1926, hat eine Autobiographie geschrieben mit dem Titel „Wer die Erde nicht berührt, kann den Himmel nicht erreichen.“ „Die Erde berühren“ ist für sie eine geistliche, eine fromme und zugleich politische Haltung, eine Lebens- und Glaubenseinstellung.

„Die Erde berühren“ - Wenn wir Menschen zu Grabe tragen, benennen wir unsere enge Verbundenheit mit der Erde „Erde zu Erde, Asche zu Asche, Staub zum Staub“. Dort, zusammen mit den letzten Gesten und Worten des Abschieds, bringen wir in aller Demut unsere Zugehörigkeit, unsere Verbundenheit mit der Erde zum Ausdruck: Wir sind ein Teil von ihr, ein Teil von Gottes Erde.
„Die Erde berühren“ - für unsere Lebenszeit erfordert diese Haltung tägliche Übung und gelegentliche Überprüfung, einen Selbsttest wie wir ihn eher auf der Straße, am Arbeitsplatz, in unserer Nachbarschaft, beim Hören oder Lesen von Nachrichten oder im Gottesdienst finden als in der Apothekenumschau.

Erde meint in unserer Bibel alles, was unsere Umwelt und Mitwelt ausmacht: das Land als Kulturland, den Acker, das Feld, aber auch das Erdreich und die ganze Welt.
Gott selbst - so erzählt es die Bibel - hat die Erde berührt. Er hat sie in die Hände genommen, um daraus den Menschen zu machen und ihm und ihr Atem einzuhauchen. Es wird von Gott gesagt, dass er den Armen, den Bedürftigen aus dem Staub erhebt und ihn unter die Fürsten setzt (1.Sam 2, 8). Gott hat uns mit dem Regenbogen ein Zeichen gegeben, dass er die Erde erhalten will und zur Versöhnung bereit ist, wenn Menschen verantwortlich mit der Erde umgehen.
Gerechtigkeit und die Bewahrung der Erde, der Schöpfung gehören für Gott zusammen. Gottes Ziel ist Gerechtigkeit für alle Erdenmenschen und für alle Erdenkreatur.

Jesus hat die Erde unter die Füße genommen. Zu Fuß ist er zunächst in Galiläa und dann Richtung Jerusalem unterwegs gewesen. Er hat wahrgenommen, was Menschen auf und mit dieser Erde tun. Er hat sie Fischen sehen und ihr Scheitern beim Fischfang beobachtet. Er hat beschrieben wie Menschen ihren Acker bestellen und wie mühsam es ist, hinter dem Pflug her durch die trockene Erde Galiläas zu gehen. Er hat Frauen beim Brotbacken beobachtet und wusste, wie viel Mehl es für welche Menge Sauerteig braucht.

Das Reich Gottes vergleicht Jesus mit dem Säen und Ernten und mit der Haltung derer, die diese Arbeiten ausführen.
Jesus hat die Erde unter die Füße genommen und Erde und Menschen an sein Herz genommen. Liebevoll und genau hat er hingesehen. Und er ist immer ein Teil seiner Mitwelt geblieben. Er hat sich nicht um äußere Unterschiede und Zeichen bemüht, die seine besondere Stellung unterstreichen sollten. Er hat sich den Menschen mit ihren jeweiligen Sorgen, Belastungen, Fragen, Krankheiten, Lebenskrisen, Behinderungen zugewandt und heilend und klärend für sie geredet und gehandelt. Den Staub hat er weder an den Füßen noch an den Händen gemieden.

Er hat zu ihnen vom Reich Gottes, vom Reich der Himmel und seiner Gerechtigkeit gesprochen. Das Reich Gottes ist ein Reich der Gerechtigkeit für Erdenmenschen und Erdenkreatur.
„Die Erde berühren“ - als Geschöpfe Gottes, in der Nachfolge Jesu tragen wir als Erdenbürgerinnen und Erdenbürger Verantwortung. „Ihr seid das Salz der Erde“; „ Ihr werdet meine Zeugen sein bis an das Ende der Erde“(Apg 1,8). Die Verantwortung liegt bei uns. Zeugen und Zeuginnen müssen sich hören und vernehmen lassen; Salz, das im Topf bleibt,  kann nichts haltbar machen und nichts würzen.  

Aber was ist nun mit dem Himmel? - werden Sie vielleicht fragen.
Als heute Morgen auf Sterne und leuchtenden Mond das Morgenrot folgte, so schön, so bezaubernd, war mir der Himmel ein Zeichen von Trost und Hoffnung und Sicherheit. Als wir in der vergangenen Woche bei der Beerdigung eines ganz jungen Mannes Luftballons mit letzten Grüßen und Segensworten in den Himmel steigen ließen, waren wir vielen Menschen dort auf der Wiese darin verbunden, dass wir himmelwärts blickten. Der letzte gemeinsame Blick ging nicht in das offene Grab, sondern zum Himmel. Auferstehungsglaube – gewiss bei einigen; Zeichen des Trostes und der Hoffnung – bei fast allen.
„Den Himmel erreichen“ - Himmel und Erde sind in der Bibel untrennbar verbunden. „Mir ist gegeben alle Macht im Himmel und auf Erden“; „ Ehre sei Gott in der Höhe und Frieden auf Erden“.
„Ich sah einen neuen Himmel und eine neue Erde, … und Gott wird bei ihnen wohnen… Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid, noch Geschrei, noch Schmerz wird mehr sein.“(Offb.21)

Das ist die große Verheißung: Himmel und Erde werden neu, Gottes Gerechtigkeit wird Himmel und Erde erfüllen.
„Wer die Erde nicht berührt, kann den Himmel nicht erreichen“ - in der Art und Weise wie wir unsere Verantwortung als Erdenbürgerinnen und Erdenbürger wahrnehmen, in der Art und Weise wie wir mit unseren Mitmenschen und unserer Mitwelt umgehen, können wir uns und anderen den Blick zum Himmel offen halten. Wir können dazu beitragen, dass die Hoffnung wach und der Glaube stark bleibt an das Reich Gottes der Gerechtigkeit und des Friedens. Und wenn Gerechtigkeit aufscheint, Menschlichkeit sich durchsetzt, Verantwortung für die Schöpfung übernommen wird - dann können wir die Zeichen deuten - auf den Himmel hin.

Und nun zurück zu den täglichen Übungen. Ob wir nun im Stehen oder im Sitzen die Erde mit den Fingern berühren können, ist vielleicht gar nicht so entscheidend. Wir können aber alle täglich eine Fingerübung machen, eine Fingerübung für das Reich Gottes. „Ihr seid das Salz der Erde“ – wenn wir täglich Salz mit den Fingern streuen und dabei an Erde und Himmel denken, machen wir eine Fingerübung für das Reich Gottes.

Amen

Angelika Weigt-Blätgen

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